Lake Tahoe, 12. Oktober 2011
Ich mag verlassene Orte, Ruinen unserer Zivilisation, unserer Industriegesellschaft. Amerika hat viel Platz und deshalb besonders viele dieser verlassenen Orte. Wenn irgendwas nicht mehr gebraucht wird, bleibt es stehen. Man versucht eben anderswo sein Glück. Autos am Straßenrand, verlassene Tankstellen und manchmal auch ganze Städte, Geisterstädte. Davon existieren im Westen, im Wilden Westen, einige. Aber wohl keine ist so schön und so gut erhalten wie Bodie.
Um 1860 herum entdeckte der Namensgeber William Bodey in den Bergen zwischen Kalifornien und Nevada Gold – und starb wenig später. Seine Familie und sein Partner aber gründeten die Stadt Bodie. Und die erlebte den großen Goldrausch. Auf dem Höhepunkt lebten rund 10.000 Menschen in Bodie, in der Wüste, auf mehr als 2500 Metern Höhe. Damit war die Stadt die zweitgrößte Kaliforniens, gleich nach San Francisco. Und auf jeden Fall die verrufenste. Die Stadt hatte ein eigenes Chinatown mit Opiumhöllen, einen großen Rotlichtbezirk, 65 Saloons und die höchste Mordrate weit und breit. In Bodie war er so wie im Film, der wilde Westen.
Das hielt nicht lang, bald zogen die Glücksuchenden weiter. Anderswo war jetzt Gold gefunden worden. Bodie schrumpfte und zerfiel. 1932 schließlich zerstörte ein großes Feuer mehr als 90 Prozent der Stadt, und um 1960 herum starb der letzte Einwohner oder er zog weg. Doch da hatte die örtliche Bankiersfamilie Cain, der viele Grundstücke in der Stadt gehörten, sich schon um ihre Zukunft gekümmert.
Erst geschah das nur in Form von alten Männern mit Shotguns, die die verlassenen Gebäude vor Plünderern schützen. Ende der 1950er-Jahre verkaufte die Familie das Land an den Staat Kalifornien, und der machte daraus einen State Park, ein wunderbares Open-Air-Museum. Man kann den Leuten vom State Park Department nicht genug danken, dass sie der amerikanischen Versuchung widerstanden haben, eine Touristenfalle aus Bodie zu machen.
Hier gibt es keine Souvenirläden, keine Eisstände, kein All-You-Can-Eat-Family-Diner, keine Männer in albernen Kostümen, mit denen man sich fotografieren kann, für 10 Dollar das Bild. Hier gibt es nur die Stadt, und das, was sie hinterlassen hat. Das Leben von damals ist eingefroren hinter Fensterscheiben. Im Saloon stehen noch die Flaschen auf dem Tresen, als wären die Gäste gerade erst gegangen, in der Rezeption des Hotels gibt es noch Tresor und Schlüsselkasten, im Feuerwehrhaus Spritzen, Pumpen und Öllampen. Und im kleinen Museum neben Bleistiftanspitzern und Feuerwehrabzeichen liegt der Schlüssel fürs Gefängnis.
Das Glück hat in Bodie nicht lange gehalten, genauso wie das Verbrechen. Die höchste Mordrate haben längst ganz andere Städte. Bodie hält nur noch einen Rekord. Weil die Temperatur im Winter oft auf 30 bis 40 Grad Minus fällt, ist Bodie landesweit bekannt als kältester Ort auf der Wetterkarte. Von einem Besuch im Januar würde ich deshalb dringend abraten. Zumal man sich weder in Opiumhöllen noch im Rotlichtbezirk aufwärmen kann. Beide sind im Feuer von 1932 untergegangen.











