Puerto Montt, 5. Mai 2007
Im El Puerto geht es schummrig zu. Die Sonne hinter den dicken, grünen Vorhängen ist untergegangen. An den wenigen Tischen der Hafenkaschemme von Puerto Chacabuco sitzen einige Seeleute bei Kerzenschein. Der Strom ist wieder einmal ausgefallen. Seit dem Erdbeben vor zwei Wochen passiert das öfter. Die Schäden werden nur langsam behoben.
Die Männer trinken Tee und Bier. Sie reden über die Vermissten. Auch an diesem Tag war die Armee wieder mit Helikoptern und Booten auf der Suche nach ihnen – ohne Erfolg. Einer der Seeleute bietet mir einen Platz am Tisch an. Er ist mit tiefgekühltem Lachs unterwegs. 45 Tage am Stück auf See, 15 Tage daheim in Valparaíso. Früher waren es drei Monate Arbeit gegen einen Monat Urlaub, sagt er. Mir ist es lieber wie es jetzt ist, kürzer. Ich bin mir nicht sicher, ob er die Zeit auf See oder die Zeit zuhause meint.
Um 22.30 Uhr muss er wieder an Bord sein. Bis dahin leert er die eine oder andere Literflasche Bier. Was soll man auch sonst tun in Puerto Chacabuco. So malerisch der Hafen am Ende des Aysén-Fjords gelegen ist, so abstossend ist der Ort. Er besteht aus dem Hafen, einigen heruntergekommenen Häusern und Fischfabriken. Von hier fährt morgen früh mein Schiff nach Norden.
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Ich träume von Erdbeben, und als ich aufwache, wackelt das Schiff. Ich frage mich, wie sich Erdbeben auf See auswirken und ob ich auf einem Schiff sicherer bin als an Land. Dann bemerke ich, dass es kein Erdbeben ist, das das Schiff erzittern lässt. Wir legen ab. Wir haben schon am Abend vor der Abfahrt eingeschifft. So macht es jeder hier. Er schläft auf dem Schiff und überlässt den Ort sich selbst.
Später am Morgen stehe ich mit Rafael, einem 52 Jahre alten Chilenen, am Bug. Wir beobachten die Delfine, die unsere Fähre begleiten. Seit Stunden fahren wir schon durch den Aysén-Fjord. Es zieht eine Landschaft vorbei, die mir wie eine Mischung aus Norwegen und dem Amazonas erscheint. Die Wolken hängen so tief, dass ich mich frage, ob wir uns immer noch in den Bergen bewegen. Doch dies ist der Pazifik, und im Ozean geht es, vom Seegang abgesehen, nicht bergauf.
Früher hat es in dieser Gegend 360 Tage im Jahr geregnet, sagt Rafael. Jetzt scheint ab und zu mal die Sonne. Das ist die globale Erwärmung. Der Mann ist vor zehn Jahren von Coyhaique in die Atacama-Wüste gezogen. Jetzt hat er null Regentage. Hüten Sie sich vor den Leuten weiter nördlich, rät er mir. Wenn Sie in Patagonien ein Geldstück verlieren, heben es die Leute für Sie auf. Im Norden zieht man es Ihnen aus der Tasche. Beim Mittagessen erfahre ich, welche Sorte Leute er für gefährlich hält. Rafael ist Pinochet-Anhänger und Waffenfreund. Im Sommer, sagt er, ist die Fähre voll von seltsamen Leuten. Drogen, flüstert er, alles voller Drogen. Langhaarige, Rastafari, solche Leute. Seien Sie bloss froh, dass Winter ist.
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Unser Schiff, die Magellanes, bedient zwei Langstreckenrouten. Unsere, von Puerto Chacabuco nach Puerto Montt (24 Stunden) und die von Puerto Natales nach Puerto Montt (72 Stunden). Letztere ist eher ein Touristenvergnügen. Wer ausser Urlaubern verbringt schon freiwillig vier Tage auf See und zahlt dafür 300 US-Dollar. Alle, die erwarten, dass sie dafür eine Kreuzfahrt bekommen, möchte ich warnen. Denn die Magellanes, ein vor 30 Jahren in Japan gefertigter Eisbrecher, könnte auch Sparta heissen.
Der mit Plastikstühlen und -tischen ausgestattete Speisaal ist Ort der täglichen Routine: Frühstück, 9 Uhr. Mittagessen, 13 Uhr. Abendessen, 19.30 Uhr. Morgens Rührei und Brötchen. Mittags Fleisch mit Kartoffelbrei, Salat mit Blumenkohl, Brötchen. Abends anderes Fleisch mit Kartoffelbrei, Salat mit Blumenkohl, Brötchen.
Über dem Speisesaal befindet sich der zweite Ort der Zerstreuung, der Pub mit Bar und Fernseher, auf dem Hollywood-Filme laufen. Mehr ist nicht. Kein Duty-Free-Shop, kein Casino, kein Kapitänsdinner, kein Fitness-Studio oder Schwimmbad. Es ist eine Passagierfähre, deren Gäste auf dieser Strecke hauptsächlich Trucker sind. Es ist kein Luxusliner. Für mich ist das okay. Es verhält sich wie mit den meisten Städten im argentinischen Patagonien. Ein Tag ist spannend, vier Tage sind ein Ärgernis.
Ausser mir gibt es einen weiteren Fremden an Bord. Ich treffe ihn abends an der Bar. Er bestellt gerade einen Whisky, worauf der Barkeeper geheimnisvoll lächelt, verschwindet und nach ein paar Minuten wiederkommt, mit einem Riesen-Eisblock in der Hand. Original Gletschereis aus der Laguna San Rafael, behauptet er.
Der Whiskytrinker heisst Alex, kommt aus Lille, ist etwa so alt wie ich und reist, wie ich, durch Südamerika – mit dem Fahrrad. Seit zehn Jahren mache ich nur noch mit dem Fahrrad Urlaub, sagt er. Bolivien, Senegal, überall. Für mich ist es das perfekte Reisetempo. Mir fällt ein, dass ich ihn schon einmal gesehen habe. Im Schneesturm auf dem Cerro Castillo kam er mir entgegen. Er hat dort im Zelt übernachtet. Es war die Hölle, sagt er.
Zum ersten Mal auf seiner viermonatigen Reise von Sao Paulo über Uruguay, Buenos Aires bis nach Feuerland, über die ruta cuarenta, auf der selbst Autos manchmal nur mit 20 oder 30 Kilometern pro Stunde vorankommen, zum ersten Mal hat er aufgegeben. Die Carretera Austral hat ihn geschafft. Jetzt überbrückt er die Strecke mit dem Schiff und wird von Puerto Montt nach Santiago über die Panamericana radeln. Danach will er nach China fliegen, mit dem Rad bis Indien kommen, nach Rumänien fliegen und sich von dort auf dem Heimweg machen. Irgendwann nach Weihnachten, so der Plan, wird er wieder in Lille sein. Und du?, fragt er. Ich bin mit dem Bus unterwegs, für sechs Wochen, sage ich. Ich komme mir spiessig vor.
Bevor ich mich in meine Koje zurückziehe, gehe ich noch einmal auf Deck und atme die Seeluft ein. Sie riecht nach Kuhstall. Warum, erfahre ich am nächsten Morgen, als wir die Fähre verlassen. Im Laderaum steht ein Viehtransporter neben dem anderen.









