Coyhaique, 1. Mai 2007
Es gibt ja Leute, die behaupten, dass Hitler den Deutschen immerhin eine gute Sache gebracht hat: die Autobahnen. Ich halte das für eine historisch äusserst fragwürdige Ansicht. Es wäre aber wüschenswert, wenn die Chilenen schon zur der Erkenntnis gelangt wären, dass Pinochet ihnen nichts Gutes ausser der Carretera Austral hinterlassen hat. Bei vielen gilt er immer noch als derjenige, der Chile Wohlstand gebracht und das Land vor dem Kommunismus gerettet hat.
Die Carretera Austral war eines der grössten Bauprojekte der Pinochet-Diktatur. Eine Strasse durch die wildeste Gegend in Chile, von Puertto Montt, über Chaitén, Coyhaique, Cochrane zum Endpunkt, einem Kaff namens Villa O’Higgins. Mehr als 1000 Kilometer führt die Carretera entlang der Anden, sie ist das Pendant zur ruta cuarenta in Argentinien, nur dass das Terrian hier viel verwegener ist. 1983 ist das erste Teilstück fertig geworden, 1988 das zweite. Der Bau hat Unsummen verschlungen.
Das Schiff, das mich nach Puerto Montt bringen wird, fährt erst wieder am Freitag. Um die Zeit bis dahin sinnvoll zu nutzen, miete ich ein Auto, um einen Teil der Carretera zu erkunden. Ich will am Lago General Carrera entlang nach Chile Chico fahren und am nächsten Tag mit der Fähre nach Puerto Ibañez übersetzen, von wo aus eine Strass zurück nach Coyhaique führt. Auf dem Weg soll es eine Höhle mit 8000 Jahre alten Zeichnungen der Tehuelche geben, man kann eine einzigartige Grotte besichtigen – und überhaupt soll die Landschaft spektakulär sein.
Spektakulär ist die Landschaft in der Tat. Denn heute ist der Winter mit aller Macht in diese Region gekommen. Hier im Tal in Coyhaique regnet es bloss. Doch weiter oben schneit es. Ich frage mich, ob ich überhaupt losfahren soll. Doch meine Wirtin Doña Herminia hat den Wetterbericht gehört. Halb so schlimm, sagt sie, die Strasse wird frei sein.
Ich mache mich auf den Weg. Es ist faszinierend, dass man die Schneefallgrenze sehen kann. Dort wo ich fahre, ist das Land grün oder braun, 100 Meter weiter oben sehen die Hügel aus wie ein mit Puderzucker bestreuter Gugelhupf. Dieser romantische Blick ändert sich schnell. Denn bald bin ich mittendrin im Schneegestöber. Die Strasse wird zunehmend rutschiger. Die Tatsache, dass ich einen allradangetriebenen Geländewagen unter dem Hintern habe, beruhigt mich wenig.
Zurecht, wie sich bald herausstellt. Denn plötzlich, mitten in den Bergen kurz vor dem Ort Villa Cerro Castillo, zieht der Wagen merkwürdig zur Seite. Ich halte an. Eine Reifenpanne, in the middle of nowhere. Doch ich habe Glück. Keine zwei Minuten vergehen, bis ein Linienbus vorbeikommt. An diesem Vormittag bekomme ich einen Beweis der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen hier. Sofort springen die beiden Fahrer und drei Passagiere heraus. Zwei packen sofort an, die anderen unterstützen sie mit schlauen Ratschlägen. Ich frage einen, ob der Winter immer so früh komme. Nein, sagt er, so früh war er noch nie, normalerweise schneit es nicht vor dem 10. Mai. Ich bin also nicht der einzige, der vom Wintereinbruch überrascht worden ist. Nach einer halben Stunde ist mein Rad gewechselt. Und keiner der Fahrgäste im Bus hat sich über die Verzögerung beschwert. Man stelle sich vor, wie viele Nörgler sich in einer vergleichbaren Lage in Deutschland zu Wort melden würden.
Ich beschliesse, dass ich mein Glück nicht weiter herausfordern darf. Denn hinter Villa Cerro Castillo endet der befestigte Teil der Strasse. Und auf mein Reserverad sollte ich wohl nicht vertrauen, wenn sich schon die regulären Reifen als ungeeignet erweisen. Ich kehre um und erreiche anderthalb Stunden später wieder Coyhaique. Wenn ich wirklich irgendwann die ruta cuarenta befahren sollte, dann mache definitiv ich vorher einen Crashkurs in Kfz-Mechanik.










Hört sich trotzdem beneidenswert an. Anregung zum Thema Hilfsbereitschaft. Um anderen Menschen helfen zu können, muss man zuerst lernen, andere zu sehen. Die Voraussetzung für eine hilfsbereite Haltung ist die Aufmerksamkeit, seine Umgebung also und sich selbst aufmerksam zu beobachten. Wer sich angewöhnt hat vorbeizusehen, wird nicht einmal erkennen, dass ein anderer der Hilfe bedarf. Sie werden erleben, dass Ihre spontane Hilfs-bereitschaft Verwunderung hervorruft. Sie ist tatsächlich zum Tabubruch geworden, weil wir uns alle schon zu sehr an Drängeln und die Durchsetzung des eigenen Vorteils gewöhnt haben. Alleine Freundlichkeit oder einem Fremden gar spontan zu helfen, ohne den Gedanken an unseren Vorteil, sondern nur weil jemand Hilfe braucht, ist ein nicht eben alltägliches Erlebnis. Insofern verlangt Ihnen die Hilfsbereitschaft ein gewisses Maß an Courage ab. Sie müssen akzeptieren, dass Sie durch eine hilfsbereite Haltung Ihrer Umgebung auffallen. Obwohl es besser wäre, wenn Ihre Hilfe unauffällig, am besten sogar unbemerkt stattfände. Denn zu helfen, um sich in den Strahlen seiner Hilfsbereitschaft zu sonnen, ist nur Eitelkeit, Ihre Hilfe dann Hilfedeine etwas feinere Form der Egozentrik und Ihrer Entwicklung wenig förderlich.
Wenn Sie im Helfen unbemerkt bleiben, ist Ihre Hilfe dadurch nicht kleiner. Jeden Tag eine gute Tat, wie Sie es vielleicht von den Pfadfindern kennen, mag ein guter Beginn sein, ein ambitioniertes Ziel ist jedoch, jeder Tag eine gute Tat. Wenn wir uns Menschen hilfsbereit zuwenden, sind wir mit Ihnen in Kontakt, wir sind nicht alleine. Einsam zu sein ist im Grunde nur Ausdruck einer lieblosen, egoistischen Lebenshaltung. Sich über die Einsamkeit zu beklagen, bedeutet, anderen damit auch noch durch Betteln zur Last zu fallen, anstatt sich Menschen hilfsbereit zuzuwenden. Wenn Sie sich einsam fühlen, ist das tatsächlich nur ein Indiz für das Fehlen Ihrer Hilfsbereitschaft. Diese über den Kreis Ihrer engsten Umgebung auszuweiten, sollten Sie sich zur Aufgabe machen, doch als ersten Schritt Ihrer näheren Umgebung hilfsbreit gegenüberzutreten, ist ein guter Beginn.
Zitat aus: Bistdufrei.de – Bedienungsanleitung für die persönliche (R)Evolution
Herzliche Grüße Martin Fickinger