Coyhaique, 30. April 2007
Ich liebe die Nebensaison. Überall, wo ich bisher ankam, lagen die Orte in den letzten Zügen, bevor sie sich in den Winterschlaf begeben würden. Ausser Buenos Aires natürlich, dort ist immer Saison.
In Uruguay zum Beispiel waren wir mit den Mücken allein. Zum nächsten Speiselokal, einer Surfer-Bar mit sehr durchschnittlicher Küche, hat es 20 Minuten mit dem Bus gebraucht. Dafür hatte ich einen der schönsten Strände ganz für mich – kilometerweit. In Puerto Madryn gab es zwar keine Wale zu sehen, wofür die Gegend eigentlich berühmt ist. Dafür durfte ich zahlreiche andere Tiere bestaunen, die es in Europa nur im Zoo gibt. Hunderte Pinguine, Guanacos, Nandus, ausserdem Seelöwen, See-Elefanten und Robben, immerhin einige Falken, Wüstenfüchse und Gürteltiere – und kaum Menschen.
Unser Naturführer Hugo (der beste, den es gibt, fragt im Gaulicho-Hostel nach ihm), der sonst im Minibus unterwegs ist, nahm uns in seinem Privatauto mit und redete ununterbrochen. Niemals hätten wir auf andere Weise so viel über die Gegend gelernt. In El Calafate, dem touristischsten Ort, den man sich vorstellen kann, war es um diese Zeit erträglich, von der erwähnten Bootsfahrt einmal abgesehen.
Auch hier ist man grundsätzlich auf Touristen eingestellt. Die Skisaison beginnt aber erst in ein paar Wochen. Im Moment ist hier niemand ausser den Leuten, die hier wohnen. Eine Unterkunft oder ein Restaurant finden sich trotzdem immer. Und die Gegend ist auch im Herbst wunderschön. Heute war ich Wandern im Nationalpark direkt vor den Toren der Stadt. Der Ranger am Eingang hat offenbar nicht mehr mit Besuchern gerechnet. Er hat keine Landkarten mehr. Aber wozu gibt es Digitalkameras? Ich fotografiere den Plan am Eingang und laufe los. In dieser Gegend gibt es einige der wenigen gemässigten, also nicht-tropischen Regenwälder der Erde. Der Rundweg führt nicht sehr tief hinein, aber er gibt einen Eindruck: Dichter Nadel- und Laubwald, Farne, Bambus und überall Wasser, Bäche, Tümpel, Seen, Lagunen. Hier sollen Pumas leben, hat man mir gesagt. Ich bin ehrlich gesagt nicht besonders scharf darauf, einen zu sehen. Das einzige was ich erblicke, bleiben dann auch riesige Scheisshaufen, die ich keinem mir bekannten Tier zuordnen kann. Und immer wieder bilde ich mir ein, einen Puma an mich heranpirschen zu hören. Ich bleibe stehen – nichts. Ich laufe weiter – wieder ein Geräusch. Ich bleibe stehen – wieder nichts.
Ich glaube, das mysteriöse Geräusch war das Rascheln meiner Regenjacke. Die ist hier nämlich unverzichtbar. Kaum habe ich mich auf den Weg gemacht, fängt es an zu nieseln. Der Regen wird stärker, bis ich weiter oben an der Laguna Verde, einem kleinen Bergsee, ankomme. Hier hört der Regen auf. Jetzt schneit es.









