Coyhaique, 30. April 2007
Ich habe beschlossen, dass ich mehr mit Einheimischen zusammentreffen muss. In Puerto Madryn und El Calafate habe ich insgesamt eine Woche in Hostels verbracht. Das war sehr bequem. Das Gaulicho in Puerto Madryn, vor allem aber das America del Sur in El Calafate sind hervorragende Unterkünfte. Das America del Sur ist mehrfach als eines der drei besten Hostels in Lateinamerika ausgezeichnet worden. Es ist komfortabel, hat Fussbodenheizung, freundliches Personal, eine herrlich entspannte Atmosphäre, Lichtjahre entfernt von jedem Jugendherbergs-Muff – und es hat einen grossartigen Ausblick über den See. Ich habe fantastische Leute kennengelernt und wertvolle Reisetipps bekommen. Abends sassen wir bis spät in die Nacht bei Wein und Bier am Kamin zusammen. Ich habe mich wohl gefühlt. Die Sache hatte nur einen Haken: Es ist eine Parallelwelt. Man könnte sich genauso gut in Berlin, New York, Sydney – oder in einem Ferienhaus in Dänemark befinden. Die Leute sind international, man spricht Englisch.
In Puerto Madryn und El Calafate war das okay, die Orte sind ohnehin touristisch ausgerichtet – und die Mitarbeiter der Hostels hatten grossartige Tipps für Ausflüge. Aber immer so reisen? Diesem Realitätsverlust möchte ich mich nicht aussetzen. Ich habe an dieser Stelle vor einiger Zeit behauptet, es gebe für Reisende mit geringem Budget nur eine Alternative: Billighotel oder Hostel. Ich muss mich korrigieren. Es gibt eine dritte Option: Man kann privat unterkommen. Entweder man lernt Leute kennen (ich habe es mit hospitalityclub.org versucht, was eine gewisse Vorausplanung erfordert und für spontane Pläne daher eher ungeeignet ist) – oder man steigt in Privatunterkünften ab. Anna und Ed aus Neuseeland und Australien haben mich auf diese Idee gebracht. Sie wohnten in El Calafate bei einem 92 Jahre alten Mann, der die freien Zimmer in seinem viel zu grossen Haus vermietete, um etwas Gesellschaft zu haben. Häuser wie diese heissen hospedajes, casas familias oder resedenciales. In Deutschland ist Ähnliches als Pension oder Fremdenzimmer bekannt.
Meine erste Adresse hier in Coyhaique ist die Hospedaje Laudero. Es hübsches altes Holzhäuschen in einem verwunschenen Garten. Ein kleines Mädchen, offenbar die Enkeltochter der Besitzerin, begrüsst mich. In der Küche sitzt das Besitzerehepaar am Herd, trinkt Mate und schaut fern. Im Wohnzimmer stehen Dutzende Sessel und Sofas aus den Fünfzigerjahren, dazwischen ein altes Röhrenradio. Auf dem Fernseher trohnt ein ausgestopfter Iltis. So sehen in Berlin Retro-Cafés wie die Wohnzimmer-Bar, die Weinerei oder das Kauf dich glücklich! aus. Hier ist alles original. Im Fernseher läuft Papi Ricky, eine grottenschlechte telenovela. Vor dem Fernseher sitzen zwei knorrige, beinahe zahnlose Chilenen und schauen regungslos zu.
Das ist alles ungemein authentisch, dennoch ziehe ich nach zwei Nächten um. Zum Einen, weil ich mir in meiner unbeheizten Dachkammer den Arsch abfriere und es kein warmes Wasser gibt – zum Anderen, weil die Besitzer zwar freundlich sind, aber nicht so recht wissen, was sie mit mir anfangen sollen. Auf small talk mit gebrochen Spanisch sprechenden Fremden sind sie nicht eingestellt.
Ich ziehe einige Strassen weiter zu Doña Herminia. Ich war am Sonntag an ihrem Haus vorbegelaufen. Sie hatte sich euphemistisch als Hospedaje and Tourist Information bezeichnet – da sonst alles geschlossen hatte, klingelte ich. Die Tourist Information beschränkte sich auf ein paar veraltete Karten, die sie irgendwo im Schrank hatte. Dafür war die alte Dame ungemein freundlich und hilfsbereit. Sie ist sehr stolz auf ihre Gäste aus allen Ländern. Ständig erzählt sie von ihnen. Hier war einmal ein Deutscher, also nein, das glauben sie nicht, der konnte kein Wort Spanisch. Und was noch schlimmer war, er konnte sich nicht mal mit den Händen verständigen, sass nur stumm da. So was! (…) Und im Januar da waren hier Holländer, die wollten allen Enstes das Südpatagonische Eisfeld (Amn.: erstreckt sich südlich von hier bis hinter El Calafate, nach der Antarktis und Grönland die drittgrösste Eisfläche der Welt) durchqueren. Also so etwas Verrücktes. Aber mir so es recht sein. Die haben das Ganze nämlich hier geplant und sind gleich 15 Tage geblieben. Sehr nette Menschen, aber verrückt. Die Männer hatten alle solche Bärte…
Ich frage mich, was sie wohl über mich berichten wird.









