Coyhaique, 29. April 2007
(Fortsetzung von gestern)
Es ist schwer vorstellbar, aber hinter Rio Mayo wird die Gegend noch einsamer. Die asphaltierte Strasse endet und macht einer holprigen Schotterpiste Platz, die mit der Zeit immer schlechter und enger wird. Dass auf diesem Trampelpfad überhaupt ein öffentlicher Bus verkehrt, beeindruckt mich. Für die 130 Kilometer zur Grenze wird er dreieinhalb Stunden brauchen. Und ich weiss nicht wie, aber der Staub, den der Bus aufwirbelt, schafft es durch alle Fensterritzen. Am Ende der Fahrt sind alle meine Sachen voll mit gelbem, feinem Staub.
Hin und wieder steht am Strassenrand ein Schild, das den Weg zu einer estancia weist. Einmal passieren wir einen comedor, ein einfaches Restaurant. Davor steht ein alter, bärtiger Mann in Lumpen. Man könnte ihn als Waldschrat bezeichnen, nur gibt es hier weit und breit keinen Baum. Der Mann winkt dem Bus fröhlich zu. Ich frage mich, wann er hier im Nirgendwo seinen letzten Gast gehabt hat. Ein anderes Mal hält der Bus, weil eine Schafherde die Strasse blockiert. Mehrere hundert Schafe, ich kann sie so schnell nicht zählen, hoppeln vorbei, ihnen folgt ein gaucho auf seinem Pferd, begleitet von seinem Schäferhund. Ich verstehe jetzt, warum mich der Touristenführer in Puerto Madryn, dem ich von meinem Plan erzählte, warnte: Fahre, nicht zu spät. Der Winter kann jede Woche kommen – und wenn er kommt, kannst du deinen Plan vergessen. Bei Eis und Schnee hier hoch zu fahren, ist tatsächlich lebensgefährlich.
Wir halten vor der Grenze zweimal, in Alto Rio Mayo und Aldea Beleiro, Orte für die das Wort Dorf übertrieben wäre, Weiler passt wohl besser. Der Bus ist die stärkste Verbindung zur Aussenwelt. Er bringt Familienmitglieder von der Atlantikküste und Pakete. Ob die argentinische Post überhaupt hierher ausliefert, weiss ich nicht. Sie hat ohnehin den Ruf, wenig zuverlässig zu sein. Die Leute geben ihre Pakete lieber direkt am Bus ab.
Schliesslich erreichen wir die Grenze auf dem Andenpass Coyhaique Alto. Zweimal müssen alle Passagiere aussteigen, um die Formalitäten zu erledigen. Die Gebäude der Grenzer sehen aus wie Berghütten. Auf der argentinischen Seite fällt mir als Erstes die einsatzbereite Tischtennisplatte auf. Was sollen sie dort oben auch sonst den ganzen Tag machen, wenn gerade kein Bus vorbeikommt? Und Platz haben sie genug. Wenn Argentinien noch Spieler für die Tischtennis-Nationalmannschaft sucht, sollten sie mal in den Reihen ihrer Grenzpolizei nachsehen.
Die Kollegen auf der chilenischen Seite sind offenbar pflichtbewusster. Hier steht die Tischtennisplatte zusammengeklappt in der Ecke. Dafür sind die beiden Beamten sehr guter Laune. Als erstes machen sie sich über die Unfähigkeit der Busgesellschaft lustig, meinen Namen herauszufinden. Dieses Mal bin ich nämlich als Steffen Deutsch Bremen, Nationalität Berlin, unterwegs. Gemeinsam mit ihnen fülle ich das Formular richtig aus. Dann loben sie noch die Bundesdruckerei. Eure Pässe haben eine viel bessere Qualität als unsere. Dann geht es weiter ins Tal.
Wir haben nicht nur ein anderes Land, sondern auch eine komplett andere Landschaft erreicht – nur wenige Kilometer von der argentinischen Steppe entfernt. Die Wolken steigen nämlich vom Pazifik auf, treffen auf die Andengipfel und regnen sich auf der chilenischen Seite ab, für die Ostseite der Berge bleibt kaum etwas übrig. Das ist der Grund, warum das argentinische Patagonien so trocken ist. In Chile führt die Strasse durch einen dichten Laubwald mit Seen. Im Tal zwischen all den schneebedeckten Gipfeln liegt Coyhaique mit seinen bunten, ein wenig heruntergekommenen Holzhäuschen. Es riecht nach Kamin. Die Menschen heizen hier noch mit Holz. Es ist ja genug da. Die ganze Gegend hier erinnert mich an Alaska, wo ich zwar noch nie war, was ich mir aber sehr ähnlich vorstelle.
Als der Bus schliesslich in die Einfahrt des Busbahnhofs einbiegt, gibt der Motor seinen Geist auf. Auch in meheren Anläufen schafft der Fahrer es nicht mehr, das Fahrzeug zum Laufen zu bringen. Den Bus hat die Reise offenbar genauso erledigt wie mich.









