Coyhaique, Chile, 28. April 2007
Ich habe Argentinien verlassen und werde nicht mehr zurückkehren. Nur auf dieser Reise, meine ich. Sonst ganz sicher. Die Reise hierher verlief etwas überstürzt – und hat mich 30 Stunden Busfahrt gekostet. Mein Plan sah eigentlich anders aus. Aber Südamerika ist keine Reisegegend, in der man zu fest an seinen Plänen hängen sollte.
Von El Calafate nehme ich den Weg, den ich gekommen bin. Vier Stunden bis Rio Gallegos, eine Stunde Aufenthalt, mit dem Nachtbus in elf Stunden bis Comodoro Rivadavia. Dazwischen gibt es keinen Grund anzuhalten. Zwischen Rio Gallegos und Comodoro ziehen auf der ruta tres gesichtlose Städte vorbei, die ihre Existenz der Ölindustrie verdanken. Alle sehen gleich aus, dazwischen weht der unerbittliche patagonische Wind so hart, dass es mich nicht wunderte, wenn der Doppeldeckerbus einfach auf die Seite kippte. In Caleta Oliva steht ein Denkmal eines riesigen Arbeiters, der eine Ölbohrung vornimmt. In seinem 1977 erschienenen Buch In Patagonia schreibt Bruce Chatwin, Buenos Aires erinnere ihn an Russland. Das ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. Doch in Patagonien gehen die Uhren anders. Das Denkmal ist nicht die erste Sache, die Patagonien für mich manchmal wie Sibirien aussehen lässt.
Morgens um halb Acht erreicht der Bus Comodoro Rivadavia. Mein Reiseführer sagt, der Bus nach Chile mit Stopp in Rio Mayo führe montags und freitags. Mein Plan: Ich will heute dorthin, ein oder zwei Tage bleiben und dann nach Chile weiterreisen. Doch der Fahrplan hat sich geändert. Jetzt fährt der Bus samstags und mittwochs um acht Uhr morgens. Als ich das herausfinde, ist es zwanzig vor Acht und am Fahrkartenschalter steht eine riesige Schlange. Alle wollen nach Chile – und das Internet ist ausgefallen, weshalb die Frau des Busunternehmens sich per Telefon nach freien Plätzen erkundigt. Das dauert. Acht Uhr ist längst vorbei, doch keiner ist ungeduldig. Dabei kommt der nächste Bus nicht in zwei Stunden, sondern in vier Tagen. Zwischendurch hat sie noch eine wichtige Ansage zu erledigen: Achtung, Achtung, Aufmerksamkeit bitte. Der Bus nach Esquel fährt um 8:15 Uhr von Bahnsteig, von Bahnsteig… Sie schaut fragend ihre Kollegen an. Die zucken mit den Schultern, lachen. Bahnsteig, Bahnsteig … sechs. Ende der Durchsage. Was weiss ich, wo der fährt, sagt sie. Die Leute werden ihn schon finden.
Und wir werden unsere Tickets schliesslich bekommen. Ich stehe also vor der Wahl, Rio Mayo nur im Durchfahren zu sehen oder gleich vier Tage dort zu bleiben. Ich entscheide mich dafür durchzufahren. Schade, sehr gerne hätte ich El Gordo, den Dicken, kennengelernt. Er besitzt ein gleichnamiges Restaurant in Rio Mayo. Frederik traf ihn auf seiner Reise vor ein paar Monaten – und ich hatte mir fest vorgenommen, Grüsse zu überbringen.
Gegen Mittag kommen wir in Rio Mayo an. Die Stadt fasziniert mich auf den ersten Blick, gleichzeitig bin ich froh, nicht vier Tage hier verbringen zu müssen. Vom Hügel, über den der Bus kommt, blicke ich auf winzige Militärkasernen mit knallroten und -grünen Dächern. Sie sehen aus, als kämen sie aus einer Märklin-Landschaft. Am Ortseingang steht ein Stadion, das auf den ersten Blick ein Fussballplatz sein könnte. Doch dafür ist es zu klein. Es ist das Stadion für die jährlich im Januar stattfindende nationale Meisterschaft im Schafscheren – dem absoluten Höhepunkt des Jahres in Rio Mayo.
Sonst gibt es nicht viel. Ein paar Strassen, schlafende Hunde und wieder den Wind, der Blätter und Plastiktüten durch die staubigen Strassen bläst. Es sieht hier aus, wie ich mir den Wilden Westen vorstelle. Es fehlen nur noch ein paar Cowboys mit Colts, die ihre Pferde vor der Tür des gordo festbinden. Als wir nach einer Viertelstunde Pause um ein Uhr fahren, schliesst die Verkäuferin vom Kiosk gegenüber der Bushaltestelle ihren Laden wieder zu. Sie hat ihn offenbar nur für uns geöffnet.
Rio Mayo ist mit 3000 Einwohnern eine der grössten Siedlungen auf der legendären ruta cuarenta, der Route 40 zwischen Bariloche und El Calafate. Mehr als tausend Kilometer einer weitgehend unbefestigten Strasse immer entlang der cordillera, der Anden, mitten durch das von Menschen fast unbewohnte patagonische Hinterland. Rio Mayo atmet ihren Charme. Das nächste Mal, wenn ich hierher komme, möchte ich für eine Woche ein Auto mieten und die cuarenta befahren.
(Die Fortsetzung meiner 30-Stunden-Tour folgt morgen. Mir fallen beim Schreiben leider schon die Augen zu.)









