El Calafate, 25. April 2007
Im Tourismusbüro von Carmen de Patagones habe ich vor einer Woche ein Geschenk bekommen, das meine Reiseunterlagen enorm bereichert hat. Es handelt sich um ein kleines Büchlein auf Deutsch mit dem Titel Taschenreiseführer Argentinien – Mehr als eine Versuchung, herausgegeben vom Secretaría de Turismo, Presidencia de la Nacion. Klingt sehr wichtig, finde ich.
Das Heft stammt aus dem Jahr 1994, und ich kann mir kaum vorstellen, dass es noch produziert wird. Denn der Schreibstil ist doch sehr eigentümlich. Es ist grösstenteils kein falsches Deutsch, nur fehlt ein wenig Herz. Der Verfasser beschreibt die grössten Attraktionen des Landes mit der Nüchternheit von Steuerbescheiden bis hin zur Verbindlichkeit eines Strafbefehls (… hier sind zu besuchen: die Kirche, das Kunstmuseum …). Es hat sich sogar jemand die Mühe gemacht, ein Druckfehlerverzeichnis einzulegen. (Seite 76: In dem Abschnitt über „Taxi“ ist hinzuzufügen, dass man diese bei Bedarf direkt auf der Strasse anhalten kann.) Wer seine Argentinien-Reise allein mit dieser Publikation plant, wird sich ernsthaft überlegen, lieber in den Harz zu fahren.
Über den Nationalpark Los Glaciares westlich von El Calafate heisst es etwa: Natureigentum der Menschheit. In diesem Gebiet der Anden liegen verschneite Gipfel, Gebirge, Gletscher und Wälder. Hier findet eines der schönsten Naturschauspiele des südlichen Argentiniens statt. Man wird viele neue Eindrücke erleben.
Und dann weiter über den Perito Moreno-Gletscher: Unter den 13 Gletschern ist er der berühmteste. Er liegt oberhalb des Nebenarms Rico des Argentino Sees. In einem ununterbrochenen Prozess lösen sich riesige Eistürme ab und stürzen in den See; das dröhnende Gepolter unterbricht die Ruhe der Landschaft.
Lieber Taschenreiseführer, so geht das nicht. Ich war heute am Perito Moreno – und dieser Gletscher ist das sensationellste Naturschauspiel, das ich je gesehen habe. Wir erreichen den Gletscher mit der aufgehenden Sonne per Boot. Die schneebedeckten Berggipfel leuchten rosa. Der See liegt nur 160 Meter über dem Meeresspiegel. Doch steil steigen die Berge von seinen Ufern bis auf über 3000 Meter auf. Von dort oben schiebt sich das Eis des Gletschers mit bis zu zwei Metern pro Tag über 14 Kilometer in den See hinein. Der Gletscher ist nicht etwa weiss, er leuchtet in allen Blauschattierungen, die man sich nur vorstellen kann. Das Eis, es bildet Formen – Dünen, spitze Zacken, riesige Klippen. Und es ist ständig in Bewegung. Alle paar Minuten brechen vorne Stücke ab und stürzen in den See, dessen Wasser so unwirklich aussieht, als hätte jemand mit Photoshop in der Natur herumgepfuscht.
Und, lieber Taschenreiseführer. Ich glaube nicht, dass du auf dem Gletscher gewandert bist. Dann hättest du nämlich von scheinbar endlosen, tiefblauen Löchern erzählt, vom in allen Farben des Herbstes leuchtenden Wald, der hier direkt ins 400 Jahre alte Eis übergeht. Von Felsvorsprüngen aus Eis unterirdischen Höhlen und reissenden Flüssen von Schmelzwasser, das besser schmeckt als jedes Mineralwasser.
Es reicht, ich habe Hunger. Mal sehen, was mein Taschenreiseführer mir empfiehlt … Der Ort El calafate verfügt über hervorragende Unterkünfte und Restaurants… Gut zu wissen.










Ich habe heute ein neues Wort gelernt: Gletschermilch. Damit bezeichnet man das so surreal gefärbte Wasser.
http://de.wikipedia.org/wiki/Gletschermilch