Río Gallegos, 23. April 2007
Als ich die Augen öffne, steht vor mir das Grauen in Person. Thomas Gottschalk trägt eine grüne Kutte, eine weisse Schürze und eine alberne Kochmütze. Er stellt sich mir als Bruder Wolfgang vor. Ich war nur kurz eingenickt und schon war es passiert. Der Steward von Andesmar, meiner Lieblings-Busgesellschaft, hat das Unterhaltungsprogramm gestartet. Sister Act 2 – mit Thomas Gottschalk in einer Nebenrolle.
Ein MP3-Spieler mit Kopfhörern ist hier ein unverzichtbares Utensil. Denn nur so kann der Passgier den unerträglichen, mit gewaltiger Lautstärke den Bus beschallenden Filmen entgehen. Das Programm in den Bussen ist gefürchtet. Man ist als Reisender dem Geschmack des Stewards ausgeliefert – und der ist meistens fürchterlich.
Es ist aber auch das einzig Schlechte, was ich über die Busse hier berichten kann. In die engen Sardinenbüchsen, mit denen sie in Europa unterwegs sind, würde sich hier niemand setzen. Es muss an den Distanzen liegen, aber Bus fahren hier ist bequemer als First Class fliegen. Vor allem, wenn man den kleinen Aufpreis für ein cama, ein Bett bezahlt. Dann bekommt man einen dicken breiten Sessel, den man fast horizontal herunterfahren kann – und mehr als genug Beinfreiheit.
Für mich ist das Busfahren inzwischen erholsamer als eine Nacht im Hotel oder Hostel. Ich habe im Bus Zeit für alle Dinge, zu denen ich sonst nicht komme: Schlafen, lesen, Musik hören. Am liebsten schaue ich aber einfach nur aus dem Fenster. Selbst eine 18-Stunden-Tour wie die von Puerto Madryn nach Río Gallegos ist halb so schlimm, wie sie klingt.
Das alles setzt allerdings voraus, dass man seinen Bus erwischt. Denn an grösseren Terminals muss man aufpassen wie ein Luchs, damit der Bus nicht ohne einen fährt. Im Fünf-Minuten-Takt kommen Busse in alle möglichen Richtungen, am Retiro in Buenos Aires sogar im Sekundentakt – aber vor allem in der Provinz fast nie pünktlich. Die Durchsagen sind nahezu unverständlich, Anzeigetafeln nicht vorhanden. Und wer glaubt, seinen Bus gefunden zu haben, wird oft genug enttäuscht. Ziel, Busgesellschaft, alles scheint zu stimmen, doch der Fahrer wird sagen: espera, señor - warten Sie. Eine halbe Stunde später biegt dann ein anderer Bus um die Ecke. Und der ist es. Sehr rätselhaft das alles.
Im schlimmsten Fall ergeht es einem wie Molly aus Chicago bei ihrem Versuch, mit dem Bus von Puerto Madryn nach Buenos Aires zu fahren. Der Mann am Schalter sagte: Oh, es tut mir leid, der 14:20-Bus hat zwei Stunden Verspätung. Molly setzte sich also in die Schalterhalle und wartete. Alle halbe Stunde ging sie zum Schalter, erkundigte sich nach dem aktuellen Stand, aus zwei Stunden Verspätung wurden vier. Um 18:30 Uhr dann eilte der hilfsbereite Mitarbeiter aufgeregt herbei. Der Bus sei da. Molly ging hinaus, auf dem Bus stand: Río Gallegos. Molly ging wieder hinein. Das ist der Bus nach Río Gallegos, sagte sie. Wann kommt der Bus nach Buenos Aires? Der Schalterbeamte blickte auf, runzelte die Stirn und antwortete. Ach, Sie wollten nach Buenos Aires? Na, der Bus ist pünktlich um 14:20 Uhr abgefahren. Da müssen Sie morgen wiederkommen.










Das erinnert mich an meine Lieblingsdurchsagenwörter auf spanischsprachigen Flughäfen: „urgentemente“ und „enfrentemente“. Und beide haben weder mit Mentalproblemen noch mit Pfefferminze zu tun – ist das nicht toll?