Puerto Madryn, 21. April 2007
Wer im Auto oder Bus in Argentinien unterwegs ist, wird früher oder später am Strassenrand einen Schrein voller roter Flaggen und anderer Gaben entdecken. Er wird Gauchito Gil gewidmet sein.
Gauchito Gil, so berichtet es die Legende, war ein argentinischer Landarbeiter im 19. Jahrhundert. Er geriet wegen einer Liebesgeschichte in Schwierigkeiten und schloss sich der Armee an. Als es aber in Argentinien zum Bürgerkrieg kam, weigerte er sich, gegen seine Landsleute zu kämpfen und desertierte. Er versteckte sich in den Wäldern, nahm von den Reichen und gab den Armen. Gauchito Gil war ein argentinischer Robin Hood. Schliesslich fasste ihn die Polizei. Auf Fahnenflucht stand die Todesstrafe, und so hingen sie Gauchito Gil mit den Füssen nach oben an einem Johannisbrotbaum auf und folterten ihn.
Als schliesslich der Henker Gils Kehle durchschneiden wollte, sagte Gauchito Gil: Dein Sohn ist sehr krank, nicht? Wenn du für mich betest, wird er leben. Wenn nicht, wird er sterben. Der Henker vollzog das Urteil. Als er nach Hause kam, war sein Sohn tatsächlich sehr krank. Er betete zu Gaulicho Gil, und siehe da, sein Sohn wurde gesund.
Diese Volkssage ist in Argentinien tief verwurzelt. Sie stammt ursprünglich aus dem Norden des Landes, hat sich durch Zuwanderer und Wanderarbeiter aber weiter nach Süden ausgebreitet. Am 8. Januar, dem Tag der Hinrichtung, feiern sie das Gauchito-Fest. In anderen Zeiten bringen sie Gaben, vor allem rote Flaggen, das Erkennungszeichen des Gauchitos.
Was dem Gauchito die Flaggen, sind der Disfunta Correa die Wasserflaschen. María Antonia Deolinda Correa soll um 1830 in der Provinz San Juan gelebt haben. Ihr Mann wurde gezwungen, der Armee beizutreten. Aus Sehnsucht folgte ihm Deolinda, ihren neugeborenen Sohn auf dem Arm. Nach tagelangem Fussmarsch durch die Wüste brach sie schliesslich zusammen.
Tage später fanden sie zufällig Reisende, die mit ihren Mauleseln durch die Wüste zogen. Deolinda war tot, doch ihr Sohn lebte. Die Brust der toten Mutter hatte ihn am Leben erhalten. Die Männer begruben die Frau und schrieben auf ihren Grabstein Disfunta Corra – was soviel bedeutet wie: die tote Correa. Seitdem hat sich ein riesiger Kult um die Heilige entwickelt mit zahlreichen Schreinen überall im Land. Um an ihren Tod durch Verdursten zu erinnern, bringen die Menschen ihr Flaschen voller Wasser. Und so sieht man an des Strassen Argentiniens immer im Wechsel, rote Flaggen, Wasserflaschen, rote Flaggen, Wasserflaschen.









