Puerto Madryn, 19. April 2007
Aus zweieinhalb Stunden Verspätung sind schliesslich fast vier geworden. Das Schöne am Reisen mit landestypischen Verkehrsmitteln ist, dass man gar nicht anders kann, als sich dem landestypischen Tempo anzupassen.
Ich setze mich also in die Cafeteria des Busbahnhofs von Viedma, lese Zeitung, trinke einen Kaffee, esse ein Steak mit Pommes. Dann sehe ich den Hunden draussen auf dem staubigen Parkplatz beim F*** zu, bestelle mir noch einen weiteren Kaffee und unterhalte mich mit dem Barmann über Messi und Maradona. Er hat die Titelseite eines Sportmagazins vom Tag nach dem historischen WM-Sieg über England 1986 eingerahmt. Es zeigt den jubelnden Maradona mit der Schlagzeile: Weine nicht wegen mir, England! Vier Jahre nach dem Falkland-Krieg hatten sie England zumindest im Fussball geschlagen. Selbstverständlich stimme ich dem Barmann zu, dass Ronaldinho gegen Messi nur eine Mücke ist. Und er ist erst zwanzig, sage ich. Die Augen des Mannes leuchten. Er sieht Messi schon Argentinien zum WM-Titel schiessen. Irgendwann kommt dann doch der Bus. Es wäre übertrieben, dass die Zeit verflogen ist. Sie hat einfach keine Rolle gespielt.
In Buenos Aires hatte ich eine Diskussion mit einer Französin. Sie war sehr nett, aber sie hat meiner Meinung nach nicht begriffen, was Reisen ist. Sie konnte nicht verstehen, warum ich mir die Reise mit dem Bus antue. Nimm doch ein Flugzeug nach Ushuaia oder El Calafate, sagte sie. Weisst du eigentlich, wie viel Zeit du damit sparen kannst? – Ich will aber keine Zeit sparen, sagte ich. Ich will reisen.
Man kann die Weite Patagoniens nicht im Flugzeug begreifen. Ein Flug von Buenos Aires nach Ushuaia in Feuerland dauert dreieinhalb Stunden. Dann landet man am Ende der Welt. Und dann?
Welch anderes Zeitgefühl ergibt sich im Bus, im colectivo, wie es im südamerikanischen Spanisch heisst. Zwölf Stunden im Nachtbus von Buenos Aires bis zum Río Negro, weitere sechs (plus vier Wartezeit, in meinem Fall) nach Puerto Madryn. Und von hier nach El Calafate ist es eine weitere Tagesreise.
Kurz hinter Bahía Blanca bin ich gestern morgen aufgewacht – und seitdem hat sich die Landschaft kaum verändert. Sie ist nur ein wenig karger geworden. Aus dem satten Grasland der Pampa ist eine grau-gelbe sandige Wüste geworden, bedeckt mit grau-grünen Sträuchern, keine Bäume weit und breit. Darüber ein weiter, unendlicher blauer Himmel.
In den letzten 200 Jahren ist nicht viel hinzugekommen: Eine schnurgerade Strasse, kaum breit genug für zwei Autos, begleitet von dünnen Strom- und Telefonmasten. Jenseits der Strasse stehen Weidezäune, alle paar Kilometer mit einem Gatter. Zweimal in der Stunde zieht am Horizont eine estancia mit ihren typischen Windrädern vorbei. Alle drei Stunden kommt eine Ortschaft. Je weiter es nach Süden geht, werden die Orte zu blossen Tankstellen werden. Ich kann nicht genug davon bekommen, aus dem Fenster zu schauen. Und das wollen Leute überfliegen, um Zeit zu sparen? Nein, Patagonien ohne Leere ist nicht Patagonien.










*** Anmerkung: Wegen der Vielzahl an entsprechenden unappetitlichen Suchanfragen zensiert.