Buenos Aires, 13. April 2007
Es wäre ein Verbrechen der Ignoranz gewesen, Buenos Aires zu verlassen, ohne Tango gesehen zu haben. Nicht nur viele Porteños,wie die Bewohner von Buenos Aires sich nennen, auch einige Touristen hier leben nachts. Von der Stadt sehen sie nicht viel, sie sind abhängig vom Tango. Der Mann aus Seattle in unserem Hotel zum Beispiel. Tagsüber schläft er, am frühen Abend nimmt er Tangostunden, in der Nacht ist er in San Telmo unterwegs. Kevin aus England hat dazu beim Frühstück gelästertt: „Tango lernen?, da kann er sich auch gleich am Bahnhof einen Lebenstrainer holen. Tango lernt man nicht, Tango lebt man.“ Wo also hingehen? Kevin hat die Band Fernandez Fierro empfohlen. Er muss es wissen, dazu an anderer Stelle mehr.
Donnerstagabend, Niceto Club in Palemo. Fernandez Fierro nennen sich orchestra típico. Und tatsächlich treten sie auf, wie es sich für ein Tango-Orchester gehört: Vier Akkordeons, vier Violinen, ein Cello, eine Bratsche, ein Klavier und ein Sänger. Inzwischen gibt es rock tango, punk tango, electronic tango, alles. Dass sich ein komplettes Tango-Orchester zusammenfindet, ist selten geworden.
Als der Musiker Astor Piazzola vor Jahrzehnten mit elektrischen Gitarren im Tango experimentierte, wurde er zum Dank von stolzen Tangosängern mit der Waffe bedroht. Auch Fernandez Fierro spielt keinen klassischen Tango, sondern fügt eine weitere Version hinzu: experimentellen Tango. Die ursprünglichen Rhythmen sind kaum noch zu erkennen. Akkordeons und Cello stossen schräge Töne aus. Einer der Akkordeonspieler trägt Dreadlocks und Sonnenbrille, der Sänger ein ausgewaschenes Jimmy-Hendrix-Shirt. Wenn das Astor Pialozza erlebt hätte! Niemand beschwert sich, aber aufstehen und tanzen wird auch niemand. Nach knapp zwei Stunden ist das Konzert vorbei, ohne dass ich einen Tanz gesehen hätte. Die Gäste verlassen den Club. Die Aftershowparty beginnt. Der DJ legt Hiphop auf.










dreadlocks
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