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San Pedro de Atacama, 7. Dezember 2009

San Pedro ist unser Basislager. Nicht dass wir irgendwelche Siebentausender besteigen wollen. Aber immerhin bewegen wir uns doch höher, als man das in Europa generell tut, vor allem wenn man hinterm Deich aufgewachsen ist.

Diese kleine Touristenoase mitten in der Atacama-Wüste liegt 2500 Meter überm Meer, von hier aus kann man ein paar hübsche Touren in die umliegenden Berge machen – und eben: sich an die Höhe gewöhnen. Denn für die nächsten knapp zwei Wochen werde ich die 2500-Meter-Linie nicht mehr unterschreiten, viel Zeit sogar oberhalb von 4000 Meter verbringen.
Heute also der erste Test – und siehe da: Keine Kopfschmerzen, kein Herzrasen, definitiv keine Appetitlosigkeit – ganz zu schweigen von anderen bösen Dingen, die man so liest.

Das Höhentrainingslager geht sich also gut an. Und ganz nebenbei war das noch eine geradezu märchenhafte Route. Aber gut, sonst hätte man sich ja auch in Brandenburg in einer Druckluftkammer einschliessen können.

Zuerst die Salzwüste von Atacama. Bizarre, kniehohe Gesteinsformationen, überzogen von einer dicken, weissen Salzschicht – und in der kleinen Lagune ein paar Dutzend Flamingos in freier Wildbahn. Anschliessend dann der Aufstieg auf 4300 Meter und der Ausblick auf tiefblaue Lagunen, eingefasst von Hügeln mit gelb-grünem Graswuchs – dahinter Vulkane, Sechstausender. Die Luft: so klar wie nirgends, aber zugegeben auch ziemlich dünn. Jedenfalls muss ich mir das eingestehen, als ich mit ein paar sportlichen Sprüngen den kleinen Kirchturm des nahegelegenen Dorfes erklimme und mich schon nach 20 Stufen so fühle, als wäre ich soeben das Empire State Building in Rekordzeit hochgelaufen. Mindestens.

Leben und Tod

San Pedro de Atacama, 6. Dezember 2009

So eine Oase ist ja an sich schon beeindruckend. Wenn man 100 Kilometer am Stück durch Ödland fährt, durch Wüste, die so trocken ist, dass es Stellen gibt, an denen möglicherweise noch nie Regen gefallen ist. Und dann erreicht man Leben. Wie in Pica, 6000 Einwohner, 100 Kilometer östlich von Iquique.

Umwerfendes Grün, wohin man blickt, Zitronenbäume, Mangos, Orangen, Guaven – Bäume, die zwei-, drei-, manche sogar fünfmal im Jahr Früchte abwerfen. Denn hier scheint immer die Sonne, es sind immer mindestens 30 Grad und gleichzeitig wird der Boden ständig durch eine vulkanische Quelle fruchtbar gehalten.

Das Bild an sich schon beeindruckend, doch heute ist es besonders farbenfroh. Heute sind alle Einwohner so bunt angezogen. Ausserdem tragen sie Posaunen, Tubas und Trommeln in den Händen. Das tun sie zum Glück nicht für uns, sondern augenscheinlich für irgendein Fest. Die Menschen strömen zum Dorfplatz. Dort direkt vor der Kirche, unter Sonnensegeln, sind Bänke aufgebaut – davor eine Bühne, festlich geschmückt.

Drumherum Verkaufsstände, Imbissbuden, sogar eine Schiessbude. Und dann hören wir die Musik. Dramatisch, getragen, bewegend. Was mag das nur für ein seltsames Fest sein, zu dem das ganze Dorf gekommen ist?

Dann sehen wir den Sarg – und es wird klar: Dies ist eine Beerdigung. Nicht irgendeine, offenbar ist der Bürgermeister gestorben. Und das ganze Dorf ist gekommen – eben nicht in Schwarz, sondern in Hellblau, Gelb, Grün und Rot. Vor allem die Kinder tragen traditionelle grellbunte Kleider.

Der Gottesdienst unter freiem Himmel wird von spanischen Gitarren begleitet – und das Gewand des Pfarrers weht im strengen Wüstenwind. Ein Schauspiel, nicht düster, auch traurig, aber vor allem bunt und hoffnungsfroh.

Iquique, 4. Dezember 2009

Vor kurzem habe ich hier noch über die Eintönigkeit der chilenischen Städte geklagt, jetzt muss ich mich dringend bei Iquique entschuldigen. Denn das hier ist eine grossartige Stadt mitten in der Wüste des chilenischen Nordens. Wunderschöne Holzbauten, prächtige Stadtvillen, eine sehr entspannte Fussgängerzone. Das alles verdankt die Stadt seinem grossen Rohstoff. Nicht etwa Gold oder Silber, sondern Nitrat.

Im späten 19. Jahrhundert gingen hier täglich unzählige Schiffe, voll beladen mit Nitrat nach Europa und in die USA, um dort als Düngemittel auf die Felder geschüttet zu werden. Zurück kamen die Schiffe mit Holz, in erster Linie als Ballast für die Reise. Hier natürlich gern gesehen – mitten in der Wüste fände man vermutlich nicht einmal genug Holz für ein Haus, geschweige denn für diese Paläste, wie sie hier stehen.

Die guten Nitratzeiten endeten mit Ende des Ersten Weltkriegs und der Entwicklung künstlichen Düngers. Zu Ende damit auch die Zeiten, in denen Iquique den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Champagner weltweit hatte. Bewahrt hat die Stadt sich ihre Eleganz.

Deswegen wirkte es auch durchaus stimmig, als ich gestern diesen jungen Kerl mit dem Grammophon auf einer Bank sitzen sah. Amerikanisches Modell von 1904, selbstverständlich original, funktionstüchtig und gut erhalten. Inklusive zweier original Schelllackplatten miut argentinischen Milongas. Und das alles für knapp 50 Euro.

Schon sah ich das Ding bei mir zuhause stehen, überlegte mir Versandwege. Als Paket? Wie sind die Zollbestimmungen? Was kostet das? Wie lange braucht so eine Sendung nach Deutschland?

Erst als ich wenig später den zweiten Verkäufer sah, der ein ebenso gut erhaltenes, selbstverständlich originales Grammphon von 1904 anpries, dämmerte mir, dass die Gelegenheit vielleicht doch nicht so günstig war wie gedacht. Andererseits: Schön war es schon.

Copiapó, 1. Dezember 2009

Chile und Finnland haben eines gemeinsam. Beides tolle Länder mit wunderschönen Landschaften, aber auch mit eher langweiligen Städten. Von Santiago und Valparaíso mal abgesehen, sehen die Orte immer gleich aus: Es gibt einen zentralen Platz. Fast immer ist das die Plaza de Armas. In der Mitte steht ein Brunnen oder eine Statue, drumherum ein paar Bäume und ein paar Bänke, auf denen alte Männer den Tag verbringen.

Um die Plaza de Armas gruppiert sich ein schachbrettmusterartiges Strassensystem mit den immer gleichen Namen. Ganz nah an der Plaza sind immer die Strassen Prat und O’Higgins, danach kommen Balmaceda, Carrera und Ibañez.

Weil man diesen Herren in jeder Stadt wieder begegnet, fängt man irgendwann an, sich mit deren Geschichte zu befassen. Die meisten sind Ex-Präsidenten oder Generäle. O’Higgins, der ganz offensichtlich britische oder irische Vorfahren hatte, arbeitete in der peruanischen Verwaltung und bereitete den Boden für Chiles Unabhängigkeit. Schön und gut, wirklich berührt hat mich aber die Geschichte des armen Arturo Prat.

Im Krieg gegen Bolivien und Peru 1879 um die Nitratwüste im Norden sah sich Prat einem haushoch überlegenen peruanischen Schlachtschiff gegenüber. Er zog sein Schwert, sprang von seiner Nussschale an Deck des feindlichen Schiffes, und dann besiegte er die peruanische Armee im Alleingang, gewann den Krieg – und ist seitdem Volksheld… Falsch: Er fiel auf der Stelle. Also eine komplett sinnlose, undurchdachte und völlig überstürzte Tat. Irgendwie ehrt es die Chilenen, dass sie ihr halbes Land nach einem Mann benennen, der im entscheidenden Moment einfach mal die Nerven verlor.

Wir haben alles versucht. Drei Tage Schotterpisten, drei Tage steile Anstiege – und das alles mit einem klapprigen Fiat. Und trotzdem: keine einzige Reifenpanne. Wahrscheinlich, weil wir dieses Mal auf alles vorbereitet waren, ja sogar Werkzeug im Kofferraum hatten.

Wahlkampf

La Serena, 30. November 2009

Chile wählt in zwei Wochen einen neuen Präsidenten. Favoriten sind derzeit der Mitte-Links-Kandidat Eduardo Frei und der konservative Multimillionär Sebastian Piñera. Der besitzt einen Fernsehkonzern und ist Präsident der chilenischen Fluglinie LAN, weshalb er schon als chilenischer Berlusconi bezeichnet wird. Frei posiert brav mit Rentnern und Kindern, scheint mir irgendwie die solidere Wahl zu sein.

Weil aber nicht nur der Präsident gewählt wird, sondern auch diverse Abgeordnete und Senatoren, ist Chile nicht nur bis in den hintersten Winkel zugepflastert mit Wahlplakaten, selbst Mauern an Ausfallstrassen sind grossflächig bemalt mit dem Namen der Kandidaten. Programme sind dabei allerdings nicht gerade erkennbar. Ein Politiker verspricht 100 Prozent für Euch, der andere Damit alles besser wird! und der dritte: Für dein Recht, glücklich zu sein! Klingt irgendwie oberflächlich, aber Mehr Netto vom Brutto ist ja auch nicht gerade einfallsreich.

Besonderes Ansehen haben aber offenbar Ärzte. Die haben wir zwar auch in der Bundesregierung. Aber könnte man sich Phillipp Rösler auf einem Wahlplakat im Arztkittel vorstellen? Genau das ist hier aber üblich. Unter den regionalen Kandidaten sind so einige Doktoren – und die posieren auf den Plakaten alle in Kittel und mit Stethoskop. Hier in der Gegend kandidiert eine Medizinerin gar nur mit ihrem Vornamen: Dra. Susanna.

Sollte der weisse Kittel nicht ziehen, haben die Parteien hier aber noch einen Trumpf im Ärmel. Einmal mit dem Lautsprecherwagen durch die Stadt – und hinten auf der Pritsche: drei Mädels, die für den Kandidaten ihres Herzens mal ein bisschen Haut zeigen. Kommt offenbar gut an – vielleicht wäre die SPD mit dieser Strategie am Ende auch besser gefahren.

Im Ufo-Tal

La Serena, 28. November 2009

Das Cochiguaz-Tal ist nicht ganz leicht zu erreichen. Von La Serena 100 Kilometer ostwärts auf einer gut ausgebauten Strasse, dann abbiegen bergauf in Richtung Pisco Elqui und schliesslich an einer Weggabelung eine Schotterpiste nehmen, die 12 Kilometer ziemlich kurvig auf und ab führt, bis man auf 1700 Meter Höhe ist – um einen herum kahle Berggipfel, unten ein pittoresker Fluss (Magic River) und über einem nur der Himmel.

Und dann kommt es auf die Perspektive an. Entweder man sieht sich am Arsch der Welt oder genau im Mittelpunkt – der Welt. Denn genau hier, in Cochiguaz, sind die Ausserirdischen schon vor Jahren gelandet. Und die Berge, die wir als Berge wahrnehmen, sind in Wahrheit einfach riesige Magneten, aus denen die Ufos ihre Energie beziehen. Das glauben jedenfalls die Hippies, die hier in den 60er-Jahren ihre Zelte aufgeschlagen haben und ihre Anhänger. Nirgendwo auf der Welt soll es mehr Ufo-Sichtungen geben als hier – und defintiv existiert kaum irgendwo ein klarerer Sternenhimmel, weshalb es hier die grösste Dichte an Sternwarten weltweit gibt. Und das immerhin stimmt ganz sicher.

Wir fahren hierher, und natürlich wollen wir als anspruchsvolle Reisende mindestens ein Ufo sehen, wenn nicht zwei. Von den angeblichen Ufo-Sichtungen lebt das Tal jedenfalls ganz gut. Denn es hat sich hier, fernab der Welt, eine erstaunliche Esoterik-Industrie breit gemacht. Die Schilder der Häuser am Wegesrand versprechen spirituelle Reinigung in Form von Reiki, Engeln, Vishnu und Zen.

Wir sind neugierig, besuchen eines dieser Hotels und trinken – einen ganz profanen Kaffee. Dass der, wie so oft in Chile auch noch Instant-Zeug ist, trägt zur spirituellen Erhellung allerdings nicht gerade bei. Auch das Publikum um uns herum nicht: lauter gestresste Grossstadtfrauen, die hier mal ganz zu sich selbst kommen wollen mit Massage, Yoga, Meditation. Von Ufos keine Spur.

Was kein Wunder ist, denn die ganz harten Ufologen sollen schon vor Jahren weitergezogen sein, höher auf den Berg, damit sie ganz nah dran sind, wenn es endlich kommt, das grosse Ufo, das sie mitnimmt.

Valparaíso, 26. November 2009

Die Hamburg-Südamerika-Linie hat Tradition. Seit mehr als hundert Jahren befahren Seeleute diesen Schifffahrtsweg – nach einer waghalsigen Umsegelung des Kap Hoorn löschte man in Valparaíso und lud wieder auf – und zwischendurch liess man es sich gut gehen. Und macher bleib hängen. Weshalb es in Valparaíso jede Menge Bezüge zu Hamburg gibt. Zum Beispiel das Restaurant Hamburg.

Drinnen sieht es aus wie in einer alten Seemannskneipe auf St. Pauli: Schiffsglocken, Schiffsflaggen, Plaketten alter Reedereien: AG Weser, Schichau-Seebeck, Blohm & Voss. Die rudimentär deutsch sprechende Bedienung („heller Bier“, „dunkle Bier“) serviert uns zwei Gläser Kunstmann („das gute Bier“) aus dem Süden Chiles und dazu – wie es sich gehört – Tapas. Hier: eine ordentliche Portion Bismarckhering.

Wenig später wird uns das Gästebuch vorgelegt. Wir tragen uns pflichtbewusst ein – und loben besonders ein Detail der Einrichtung. Denn über der Theke hat jemand einen Werder-Schal aufgehängt. Im Herzen des Restaurants Hamburg in Valparaíso steht für jedermann zu lesen: Lebenslang Grün-Weiss!


Vorhersage

Santiago, 23 Grad
Valparaíso, 21 Grad
San Pedro de Atacama, 24 Grad
Potosí, 19 Grad
Sucre, 26 Grad

Eines ist klar, in Südamerika beginnt der Sommer. Und hier stehen in wenigen Tagen wieder aktuelle Erlebnisse von der Südhalbkugel, nicht nur das Wetter, versprochen!

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