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Bremen, 20. Mai 2009

Heute beginnt in Bremen der 32. Evangelische Kirchentag. Und man kann sich ja schon fragen, was das soll. Vielleicht sind die Kirchen in den Heimatgemeinden schon so leer, dass man sich irgendwo in Deutschland treffen muss, um einen gemeinsamen Gottesdienst zu feiern. Oder es ist einfach ein riesiges Pfadfinderlager, Gelegenheit zum Ersten Mal in der Jugendherberge oder am Weserufer.

Sicherlich gibt es auch ein spirituelles Ziel. Dafür spricht, dass es ein Motto gibt. Der Kirchentag will in diesem Jahr die Frage stellen: Mensch, wo bist du? (1. Mose 3, 9).

Die Frage wird sich heute Abend ganz einfach beantworten lassen. Denn der Bremer Mensch ist heute Abend Fußball gucken. Die Religion in dieser Stadt heißt nun mal Werder.

In viereinhalb Stunden ist man von Bremen aus in Amsterdam. In fünfeinhalb in München, in sechs in Kopenhagen. Mit der Bahn, wohlgemerkt! Mit dem Auto schafft man es in fünf Stunden auf der A1 derzeit gerade mal bis nach Hamburg. Und hat statt Grachten, Biergarten und Meerjungfrau – Baustellen über Baustellen. Baustellen in Stuckenborstel, Baustellen in Sittensen, Baustellen in Hollenstedt. So kann man seine Tage verbringen. Und sich das nächste Mal wieder über die Bahn beschweren, wenn sie in Amsterdam, Kopenhagen oder München mit einer halben Stunde Verspätung ankommt.

Wilmington, North Carolina, 9. April 2009

Wenn es irgendwie geht, versuche ich auf meiner Reise die Interstate zu vermeiden. Kleine Terminologie für Europäer: Interstates sind das, was man bei uns unter Autobahn versteht. (Odobähn ist übrigens das bekannteste deutsche Wort in Amerika. You are from Germany? Bee-emm-doubleyou on the Odobähn, eh?) Highways dagegen sind Land- maximal Bundesstraßen. Und dort versuche ich zu fahren, denn man sieht so einiges. Zum Beispiel wäre mir auf der Interstate Myrtle Beach, South Carolina, wohl verborgen geblieben.

Myrtle Beach ist Playa de Palma, ist Ballermann – nur auf amerikanisch. So steht neben jedem Hotel, jeder Bettenburg, ein fast ebenso großes Parkhaus. Denn der Amerikaner muss sein Auto immer in der Nähe wissen. Und hier ist alles noch eine Spur kitschiger als im europäischen Massentourismus. Die zahlreichen Minigolf-Plätze zum Beispiel. (Myrtle Beach bezeichnet sich selbst als Minigolf-Hauptstadt Amerikas.) Hier werden nicht einfach irgendwelche Turnierbahnen aufgebaut, hier wird die große Pappmaschee-Kiste ausgepackt. Die Minigolf-Plätze sind wahre Requisitenwunder, wie einem Ed-Wood-Film entsprungen.

Da gibt es die Version Strohhütte mit reißendem Wasserfall (Hawaii-Golf) oder aber das Modell Dinosaurier (Jurassic-Golf) oder meinen Favoriten: Sinkende Schiffe, abstürzende Flugzeuge und Hubschrauber (Mayday-Golf). Ich vermute übrigens, dieser Platz wurde vor 9/11 gebaut.

Eine weitere Beobachtung in South Carolina: Aus irgendeinem Grund gibt es hier geradezu ein Feuerwerk von Feuerwerksläden. Ja, wirklich. Alle zwei Kilometer einen Fireworks Superstore, riesige Hallen und Märkte, in denen nichts als Feuerwerk verkauft wird. In South Carolina scheint also das ganze Jahr über Feuerwerk erlaubt zu sein. Nur für Silvester und Independence Day werden sich die Läden ja kaum rechnen.

Den Grund dafür habe ich nicht herausfinden können. Haben die Leute hier so viel zu feiern? Oder gibt es einen mir unbekannten Verfassungszusatz, der das Tragen von Feuerwerk zu jeder Zeit erlaubt, um Indianer in die Flucht zu schlagen und Sklaven in Zaum zu halten? Ich weiß es nicht.

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Dem Irrsinn entronnen: Ganz entspannter Strand in North Carolina

Georgetown, South Carolina, 9. April 2009

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Savannah, Georgia, 8. April 2009

Sommer! 75 Grad! Ich habe zwar keine Ahnung, wie viel das ist, auf jeden Fall ist es warm. Endlich. Denn als ich in Savannah ankam, hätte mein Vermieter den Laden beinahe zugemacht wegen drohenden Wintereinbruchs. Nachtfrost hätten sie angesagt, erzählte er mir. Und ich sollte doch besser das Wasser in meinem Badezimmer die ganze Nacht laufen lassen. Sicher ist sicher. Man weiß ja nicht, ob die Leitungen einfrieren – und überhaupt: in Atlanta habe es schon geschneit. Und das im April, sowas komme – wenn überhaupt – doch nur im Januar vor.

Das machte mir nun doch etwas Sorgen. Schließlich war ich am südlichsten Punkt meiner Reise angekommen. In den SÜD(!)-Staaten, weniger als 100 Meilen von Florida entfernt, wo an Tankstellen-Türen steht: Please wear shirt and shoes. Und jetzt das: Nachtfrost!

Die Nacht war übrigens – sagen wir: frisch. In meiner dünnen Sommerjacke fror ich tatsächlich etwas und tat gegenüber Cafésitznachbarn, Taxifahrern, Vermietern und anderen Smalltalkpartnern so, als hätte ich sowas auch noch nicht erlebt. Chilly, isn’t it? Uh. I’m freezing.

Natürlich war es in New York nachts viel, viel kälter. Ganz zu schweigen von diesem fernen, kalten Land, aus dem ich stamme. Aber das sagte ich lieber nicht. Schließlich gönnte ich den Menschen hier ihren Winter und ließ sie in dem Glauben, sie hätten wirklich Nachtfrost erlebt.

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Nachtfrost? Hier? Wer's glaubt...

 

Wann werden eigentlich in Deutschland die ersten Kirchen in worship center umgetauft?

Savannah, Georgia, 7. April 2009

Was haben Tom Petty, Led Zeppelin und The Eagles gemeinsam? Es sind die einzigen Freunde, die man hat, wenn man allein auf den amerikanischen Highways in Richtung Süden unterwegs ist.

Dieses Land ist groß, da hat man einige Meilen hinter sich zu bringen. Einige planen da sicherlich voraus und nehmen sich CDs mit ihrer Lieblingsmucke mit. Das ist einerseits klug gedacht, andererseits entgeht einem natürlich ein unvergesslicher Einblick in die amerikanische Radiolandschaft.

Die besteht nämlich in den Weiten, sagen wir, South Carolinas (stellvertretend für jeden US-Staat, außer New York, Maine und Vermont), fast ausschließlich aus lokalen Klein- und Kleinst-Sendern. Und das sind entweder reine Musik-Abspielstationen oder Wort-Programme. Wenn jemand spricht, dann entweder lang und ausschweifend über Gott und Jesus und Johannes 3,16. Oder über die Weltpolitik mit Blick von ganz rechtsaußen. Momentan Thema: Wie man Nordkorea am besten und schnellsten von der Landkarte ausradiert.

Also Musik: Da besteht die Wahl zwischen Country (und damit meine ich nicht den coolen Johnny Cash, sondern richtigen, fiesen Trucker-Country), nochmal Country, unerträglichem R’n'B, wieder Country und Country – und Classic Rock. Und dann freut man sich plötzlich über Hotel California, Learning To Fly und Stairway To Heaven in voller Länge – als hätte man nie etwas anderes gehört.

Und jetzt alle:

On a dark desert highway, cool wind in my hair
Warm smell of colitas, rising up through the air
Up ahead in the distance, I saw shimmering light
My head grew heavy and my sight grew dim
I had to stop for the night…

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Hillsborough, North Carolina, 7. April 2009

Vielleicht erinnert sich jemand an meinen Besuch in Real de San Carlos in Uruguay. Daran musste ich jedenfalls heute denken, als ich einen anderen Ort besuchte, der vielleicht weniger spektakulär, aber doch fast ebenso charmant ist: den ehemaligen Occoneechee Speedway in Hillsborough, North Carolina.

Der eine Meile lange Rundkurs war bis 1968 Austragungsort von NASCAR-Autorennen. Dann wurde in Alabama eine modernere Strecke gebaut – und der Speedway geriet in Vergessenheit. Lange hat niemand diesen Lost Place beachtet - bis die Naturschutzbehörde North Carolinas vor wenigen Jahren dort einen Wanderweg angelegt hat. Und auch wenn man hier und da den Frevel begangen hat, alte Hütten wieder aufzubauen und zu streichen, ist der Großteil der Anlage kein Museumsdorf, sondern authentisch geblieben.

Es gibt eine alte Tribüne, Fluchtlichtmasten und ein altes, verfallenes Klohäuschen. Und drumherum wuchert die Natur. Und das ist ja auch irgendwie ein Zeichen des neuen, grünen Obama-Amerikas. Schwerter zu Pflugscharen – und Stockcar-Rennstrecken zu Wanderwegen.

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Abgeraucht

Durham, North Carolina, 6. April 2009

img_9801_tabak1Diese Gegend hier ist Tabakland. Schon in Virginia war das klar: In Richmond bin ich am Firmensitz von Phillip Morris vorbeigefahren, der mich irgendwie an das Pentagon erinnert hat mit seinen Massen von grauem Trutzbeton und dem meterhohen Zaun davor. In Virginia bieten die kleinen Bauernläden am Rand der Landstraßen nicht nur Äpfel oder Honig an, sondern vor allem Zigarren.

Und Durham in North Carolina war ein Zentrum der Zigarettenproduktion. Die American Tobacco Company war 1896 eines der zwölf Gründungsmitglieder des Dow Jones – und hatte die Marke Lucky Strike im Angebot – und die war im Deutschland der Nachkriegsjahre nicht nur Ersatzwährung, sondern durch die lässig rauchenden GIs auch ein Symbol der Freiheit. Weshalb Durham, North Carolina, also quasi verantwortlich ist für die Westorientierung der Bundesrepublik nach dem Krieg.

Doch auch Durham steckt in einem Strukturwandel. Vor 20 Jahren soll es in der Stadt noch überall nach Tabak gerochen haben. Doch American Tobacco ist längst verkauft, die Fabriken stehen still, die Lagerhäuser leer. Und vor einigen Jahren hat nun die post-industrielle Nutzung begonnen. Lofts, Kneipen und Restaurants, Büros und Geschäfte ziehen ein (siehe: Kulturbrauerei, Berlin – Speicherstadt, Hamburg – Überseestadt, Bremen).

Noch immer überragt der alte Wasserturm mit dem Lucky-Strike-Emblem alles. Aber nach Tabak riecht es hier nirgendwo mehr. Ironie der Geschichte: In allen Kneipen und Restaurants des tobacco districts herrscht strengstes Rauchverbot.

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